Borosilikatglas: Was dieses Material so besonders macht
Borosilikatglas auf einen Blick
- Entwickelt für Extrembedingungen. Borosilikatglas 3.3 wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Otto Schott in Jena entwickelt. Der niedrige Ausdehnungskoeffizient (3,3 × 10⁻⁶/K) macht es thermoschockbeständig: Je nach Wandstärke verträgt es Temperaturunterschiede von 100 bis über 200 °C (Schott AG, DURAN-Datenblatt).
- Bleifrei und chemisch inert. Anders als viele Kristallgläser enthält Borosilikatglas kein Blei und keine Schwermetalle. Es ist säure- und laugenbeständig und gibt keine Stoffe an Getränke ab.
- Spülmaschinenfest. Borosilikatglas verträgt handelsübliche Geschirrspüler unter normalen Haushaltsbedingungen dauerhaft, ohne zu erblinden oder stumpf zu werden.
- Anspruchsvoll in der Verarbeitung. Borosilikat wird in einem höheren Temperaturbereich verarbeitet als andere Glasarten (ca. 825–1.260 °C). Die höhere Viskosität macht es schwieriger zu blasen, besonders in Freihandtechnik.
- Klare Nachteile. Borosilikatglas klingt weniger brillant als Kristallglas, erreicht nicht dieselbe Lichtbrechung und lässt sich nicht so dünnwandig verarbeiten. Es ist ein Spezialglas, kein Universalglas.
Ein Material zwischen Labor und Esstisch
Wer „Borosilikat" hört, denkt an Chemieunterricht, Laborkolben und Bunsenbrenner. Kaum jemand denkt an einen gedeckten Tisch bei Kerzenschein.
Dabei hat dieses Material Eigenschaften, die es für Trinkgläser interessant machen, Eigenschaften, die kein anderes Glas in genau dieser Kombination bietet: hohe Thermoschockbeständigkeit, chemische Neutralität, dauerhafte Spülmaschinenfestigkeit und Leichtigkeit.
Dass trotzdem fast niemand daraus trinkt, hat einen einfachen Grund: Borosilikatglas ist deutlich schwieriger zu verarbeiten als Kristall- oder Kalk-Natron-Glas. Die meisten Glashütten und Manufakturen arbeiten deshalb mit anderen Materialien.
Dieser Artikel erklärt, was Borosilikatglas ausmacht, wo seine Stärken und Schwächen liegen, und für wen es die richtige Wahl ist.
Was ist Borosilikatglas?
Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der Glaschemiker Otto Schott in Jena ein Glas mit einem hohen Anteil Boroxid, daher der Name. Sein Ziel war ein Material, das extremen Temperaturschwankungen standhält: ein Glas für Laborgeräte, Industrieanwendungen und die Wissenschaft.
Die wichtigste Eigenschaft: Borosilikatglas 3.3 dehnt sich bei Hitze kaum aus. Die Zahl 3.3 steht für den Ausdehnungskoeffizienten (3,3 × 10⁻⁶/K), der etwa dreimal niedriger liegt als bei herkömmlichem Kalk-Natron-Glas (~9 × 10⁻⁶/K). Unter normalen Haushaltsbedingungen verträgt Borosilikat je nach Wandstärke Temperaturunterschiede von 100 bis über 200 °C, ohne zu springen. Zum Vergleich: Kalk-Natron-Glas toleriert nur etwa 40 °C Differenz.
Heute ist Borosilikat 3.3 vor allem als Laborglas bekannt (Markennamen wie Duran oder Pyrex). In der Trinkglas-Welt ist es eine Nische, aber eine wachsende: Einige Manufakturen und Designmarken setzen bewusst auf dieses Material, weil es Eigenschaften mitbringt, die Kristall und Kalk-Natron-Glas nicht bieten.
Aus der Werkstatt: Wie sich Borosilikat unter der Flamme verhält

Technische Datenblätter erzählen die halbe Geschichte. Wie sich ein Material wirklich verhält, weiß der, der täglich damit arbeitet.
Glasbläsermeister Eckhard Martin hat über fünf Jahrzehnte mit Borosilikatglas gearbeitet, seit 1975 an der Flamme, ausschließlich in Freihandtechnik ohne Formen. Er beschreibt Borosilikat als ein Material mit eigenem Rhythmus: Die höhere Viskosität verlangt mehr Geduld, das kürzere Arbeitsfenster mehr Präzision.
Das liegt an der Physik: Glas hat keine feste Schmelztemperatur, sondern wird mit steigender Hitze zunehmend weich. Der Glasbläser arbeitet in einem breiten Temperaturbereich, in dem das Material unterschiedlich zäh und formbar ist, bei Borosilikat grob zwischen 825 und 1.260 °C (Schott AG, DURAN-Richtwerte für Erweichungs- und Arbeitspunkt). Borosilikat ist dabei in jeder Phase zähflüssiger als Kristall- oder Kalk-Natron-Glas, es bewegt sich langsamer und kühlt schneller ab.
Ein entscheidender Vorteil zeigt sich beim Nacharbeiten: Wenn etwas nicht stimmt, kann der Glasbläser die betreffende Stelle gezielt wieder erhitzen und korrigieren. Das ist bei Kalk-Natron-Glas kaum möglich, dort führt punktuelles Erhitzen schnell zu Spannungsrissen im gesamten Stück. Der niedrige Ausdehnungskoeffizient von Borosilikat erlaubt es, lokal Hitze einzubringen, ohne dass das restliche Glas reagiert. Die Gläser tragen trotzdem die Handschrift des Glasbläsers, denn die Grundform muss im engen Arbeitsfenster sitzen.
Zur Wandstärke: Borosilikat lässt sich durchaus dünn verarbeiten, auch unter 1 mm ist möglich. In der Freihandtechnik liegt die typische Wandstärke bei 1,5–2 mm, weil der Glasbläser ohne Form arbeitet und das dickere Material bewusst Teil der Haptik ist. Was bei Kristall als Eleganz gilt, die Zerbrechlichkeit, wird bei Borosilikat zur Substanz in der Hand: ein Glas, das sich sicher anfühlt, das man greifen kann, ohne darüber nachzudenken.
Drei Glasarten im Vergleich
Drei Glasarten dominieren den Trinkglas-Markt. Da die Begriffe oft nicht geläufig sind, hier zunächst eine kurze Einordnung:
Kristallglas enthält Metalloxide (traditionell Bleioxid, heute auch Barium oder Zink), die dem Glas eine hohe Lichtbrechung, brillanten Klang und besondere Klarheit verleihen. Die meisten hochwertigen Weingläser, Sektflöten und dekorativen Trinkgläser bestehen aus Kristall. Laut EU-Richtlinie 69/493/EWG darf sich „Bleikristall" nur nennen, was mindestens 24 % Bleioxid enthält.
Kalk-Natron-Glas (auch Normalglas oder Sodaglas) ist das mit Abstand häufigste Glas: Fensterscheiben, Flaschen, Einmachgläser und die meisten günstigen Trinkgläser bestehen daraus. Es wird aus Sand, Soda und Kalk geschmolzen und ist günstig in der Herstellung.
Borosilikatglas enthält statt Soda einen hohen Anteil Boroxid, was ihm eine deutlich höhere Temperaturbeständigkeit und chemische Resistenz verleiht. Es ist vor allem als Labor- und Industrieglas bekannt (Duran, Pyrex) und wird erst seit einigen Jahren auch für Trinkgläser eingesetzt.
|
Eigenschaft |
Borosilikatglas 3.3 |
Kristallglas |
Kalk-Natron-Glas |
|---|---|---|---|
|
Thermoschock-Beständigkeit |
Hoch (100–220 °C je nach Wandstärke) |
Gering (~40 °C) |
Gering (~40 °C) |
|
Spülmaschinenfest |
Ja, dauerhaft |
Bedingt, Oberfläche leidet mit der Zeit |
Bedingt |
|
Bleifrei |
Ja, immer |
Nicht immer (Bleikristall ≥ 24 % PbO) |
Ja |
|
Geschmacksneutralität |
Sehr hoch, chemisch inert |
Hoch |
Hoch |
|
Trübungsresistenz |
Sehr hoch |
Gering bis mittel |
Mittel |
|
Klang beim Anstoßen |
Dezent, hell |
Brillant, lang nachhallend |
Mittel |
|
Lichtbrechung / Brillanz |
Klar, neutral |
Sehr hoch (Prismeneffekt) |
Mittel |
|
Gewicht |
Leicht |
Schwerer (durch Metalloxide) |
Mittel |
|
Preis (Trinkgläser) |
Mittel bis hoch |
Hoch bis sehr hoch |
Niedrig bis hoch |
|
Verfügbarkeit |
Nische |
Breit verfügbar |
Sehr breit verfügbar |
Wo Borosilikat stark ist: Thermoschock, Spülmaschine, chemische Reinheit, Leichtigkeit, Langlebigkeit. Wer Gläser im Alltag nutzt und Wert auf Beständigkeit legt, profitiert am meisten.
Wo Kristall stark ist: Klang, Brillanz, Dünnwandigkeit, Eleganz. Für festliche Anlässe, Weinverkostungen und alle, die das sensorische Erlebnis des Glases selbst genießen, ist Kristall schwer zu schlagen.
Wo Kalk-Natron-Glas stark ist: Preis und Verfügbarkeit. Für Gastronomie, große Runden und den unkomplizierten Alltag die pragmatischste Wahl.
Farbe und Borosilikat

Ein besonderer Vorteil von Borosilikatglas zeigt sich bei der Farbverarbeitung. Farbiges Glas kann direkt in Borosilikat eingeschmolzen werden, die Farbe wird dabei Teil des Materials, nicht Beschichtung oder Lackierung.
Damit diese Farbfusion funktioniert, müssen farbiges und transparentes Glas beim Abkühlen denselben Ausdehnungskoeffizienten haben. Stimmt dieser nicht überein, entstehen innere Spannungen, die zum Bruch führen können. Der gleichmäßige Ausdehnungskoeffizient von Borosilikat 3.3 macht diese Verbindung stabiler als bei vielen anderen Glasarten.
Die Farben selbst entstehen durch Metalloxide: Kobaltoxid ergibt Blau, Chromoxid Grün, Kupferoxid Türkis, Gold- oder Selenverbindungen Rot (sogenanntes Goldrubin- bzw. Selenrubinglas). Rot ist die aufwändigste und teuerste Glasfarbe, weil die Farbentwicklung besonders empfindlich auf Temperatur- und Atmosphärenschwankungen reagiert.
Wenn ein Glas bricht
Kein Glas ist unzerstörbar. Aber Borosilikatglas hat eine Eigenschaft, die andere Glasarten in der Regel nicht bieten: Es lässt sich durch erneutes Erhitzen an der Flamme reparieren. Ein Glasbläser kann Bruchstellen verschmelzen und Teile neu ansetzen.
Der Grund ist derselbe, der auch das Nacharbeiten während der Herstellung ermöglicht: Der niedrige Ausdehnungskoeffizient erlaubt es, eine Bruchstelle lokal zu erhitzen, ohne dass das restliche Glas durch Temperaturspannung springt. Bei Kalk-Natron-Glas oder Bleikristall führt punktuelles Erhitzen schnell zu Spannungsrissen. Hinzu kommt, dass Kalk-Natron-Glas beim Wiedererhitzen zur Entglasung (Kristallisation) neigt, was die Reparatur zusätzlich erschwert.
Kein Argument für Sorglosigkeit, aber eines für Langlebigkeit.
Welches Glas passt zu wem?
Die Wahl des Glasmaterials hängt davon ab, was am Esstisch zählt. Es gibt kein objektiv „bestes" Glas, nur verschiedene Prioritäten.
Kristallglas, wenn der Moment zählt. Der brillante Klang beim Anstoßen, das Lichtspiel im Kelch, die hauchdünne Eleganz in der Hand. Kristall inszeniert den Wein und den Anlass. Die klassische Wahl für Festtafeln und Verkostungen.
Kalk-Natron-Glas, wenn Unkompliziertheit zählt. Günstig, überall verfügbar, ohne Angst einsetzbar. Die pragmatische Wahl für Gastronomie, große Runden und den Alltag ohne Hintergedanken.
Borosilikatglas, wenn der Charakter zählt. Weil es so anspruchsvoll zu verarbeiten ist, wird es fast ausschließlich von spezialisierten Glasbläsern in Freihandtechnik geformt, jedes Stück ein Unikat. Es ist leichter als Kristall, zeigt die Farbe des Weins unverfälscht und sieht nach zehn Jahren noch aus wie am ersten Tag. Die Wahl für Menschen, die ein Glas mit Handschrift wollen, das sie jeden Tag benutzen können, ohne darüber nachzudenken.
Keine dieser Optionen ist der anderen überlegen. Sie bedienen unterschiedliche Bedürfnisse.
Häufige Fragen zu Borosilikatglas
Ist Borosilikatglas spülmaschinenfest?
Ja. Borosilikatglas 3.3 verträgt handelsübliche Geschirrspüler unter normalen Haushaltsbedingungen dauerhaft. Die Oberfläche ist deutlich widerstandsfähiger gegen Glaskorrosion (Trübung) als Kristall- oder Kalk-Natron-Glas.
Ist Borosilikatglas bleifrei?
Ja, immer. Borosilikatglas enthält kein Bleioxid. Bei Kristallglas ist das nicht garantiert: Traditionelles Bleikristall enthält laut EU-Richtlinie 69/493/EWG mindestens 24 % Bleioxid. Neuere „kristalline" Gläser können bleifrei sein, sind es aber nicht zwingend.
Kann man aus Borosilikatglas Wein trinken?
Ja. Borosilikatglas ist geschmacksneutral und chemisch inert, es gibt keine Stoffe an den Wein ab. Der Nachteil gegenüber Kristall: Das Glas klingt beim Anstoßen weniger brillant und hat nicht die Lichtbrechung, die den Wein visuell inszeniert.
Was ist der Unterschied zwischen Borosilikatglas und Kristallglas?
Der Hauptunterschied liegt in der Zusammensetzung. Kristallglas enthält Metalloxide (Blei, Barium oder Zink), die ihm Brillanz, Klang und Brechkraft verleihen. Borosilikatglas enthält Boroxid, das für Thermoschockbeständigkeit und chemische Resistenz sorgt. Kristall ist das Glas für den Moment, Borosilikat das Glas für jeden Tag.
Ist Borosilikatglas bruchsicher?
Nein. Kein Glas ist bruchsicher. Borosilikatglas ist aber thermoschockbeständiger als andere Glasarten, es springt bei Temperaturschwankungen deutlich seltener. Gegenüber mechanischen Stößen (Herunterfallen, Anstoßen) verhält es sich ähnlich wie andere Gläser.
Warum ist Borosilikatglas bei Trinkgläsern so selten?
Weil es schwieriger zu verarbeiten ist. Borosilikat wird in einem höheren Temperaturbereich verarbeitet (ca. 825–1.260 °C vs. ca. 700–1.000 °C bei Kalk-Natron-Glas), die Viskosität ist in jeder Phase höher und das Arbeitsfenster kürzer. Deshalb arbeiten die meisten Glashütten und Manufakturen mit anderen Materialien.
Quellen und weiterführende Informationen
- Schott AG: Technisches Datenblatt DURAN Borosilikatglas 3.3, Ausdehnungskoeffizient, Arbeitspunkt, Erweichungspunkt. schott.com/duran
- ISO 3585:1998: Spezifikation für Borosilikatglas 3.3 (Zusammensetzung, thermische Eigenschaften)
- EU-Richtlinie 69/493/EWG: Definition von Kristallglas-Kategorien, Bleioxid-Mindestanteile. eur-lex.europa.eu
- Glasfärbung durch Metalloxide: Kobaltoxid (Blau), Chromoxid (Grün), Kupferoxid (Türkis), Gold-/Selenverbindungen (Rot). Vgl. Wikipedia: Glass coloring and color marking
- Reparierbarkeit von Borosilikatglas: Der niedrige Ausdehnungskoeffizient ermöglicht lokales Erhitzen ohne Spannungsrisse. Vgl. De Dietrich Process Systems: Repair Options for Borosilicate Glass; Mountain Glass Arts: Flameworking 101
- Werkstatterfahrung: Eckhard Martin, Glasbläsermeister seit 1975 (Zitate aus persönlichem Gespräch)
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